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Der Spazierstock hat sich unter den Waffen des Tai Chi seinen Platz verschafft, obwohl er vergleichsweise erst vor kurzer Zeit hinzugefügt wurde. Er dient als nützliches Trainingsmittel ebenso wie als wirkungsvolle Waffe. Auf den Grundlagen der Techniken des Tai Chi Jian (Schwertes) und des Tai Chi Dao (Säbels) wurden die Spazierstocktechniken von einem Studenten der berühmten Zentralen Nanjing Kampfkunst Akademie entwickelt. Diese Akademie galt zwischen 1920 und 1930 als herausragendes Zentrum der Chinesischen Kampfkünste.

Meister Nigel Sutton 1992 beim Unterricht in Jasnieres
1992 begann ich in Frankreich von Meister Nigel Sutton, der diese Form nach Europa brachte, die ersten Anwendungen und Bewegungen zu lernen. Auf Einladung des Wushu-Institut lehrte einer seiner Studenten, Meister Chris Thomas die komplette Form in Wiehl.

Chris Thomas, Generalsekretär der britischen Tai Chi Vereinigung, als Referent bei einem seiner Spazierstockseminare für das Wushu-Institut.(1996)
Der Erfinder war ein angesehener hochrangiger Polizist, der den Wunsch nach einer Waffe hatte, die er unaufdringlich bei sich tragen konnte und die seinen Status als Gentleman nicht abträglich wäre. Da Wu Jian Chuan und Yang Chen Fu in diesem Zeitraum immer wieder dort lehrten ist es wahrscheinlich, dass die Bewegungen vom Stil des Waffengebrauchs dieser beiden Kampfkünstler beeinflusst war.
Ein sehr moderner Aspekt dieser Waffe ist, dass der Student zuerst ein Set von Basisübungen erlernt, die ihn lehren wie die Waffe zu handhaben ist und ihn mit charakteristischen Eigenschaften vertraut machen. Diese Basis Übungen können sowohl solo als auch mit PartnerIn geübt werden und ermöglichen den Übenden auszuprobieren wie sie mit dieser Waffe umgehen, wenn sie mit einem Gegner, der ebenso bewaffnet ist, kämpfen.
Der Spazierstock ist eine ideale Waffe. Zuallererst, weil er aufgrund seines geringen Gewichts auch für schwache und auch ältere BürgerInnen geeignet ist, die vielleicht Schwierigkeiten haben mit Schwertern zu üben. Zum Zweiten kann er als Gehstock wie eine legale Waffe mitgeführt werden. Zudem können die Techniken auch mit einem Regenschirm oder sogar mit einer zusammengerollten Zeitung eingesetzt werden. Für Studenten, die bereits den Säbel oder das Schwert kennen sind die Bewegungen vertraut und sie lernen diese Form schnell. Praktizierende, die noch keine Waffenform erlernt haben, werden vom Spazierstock einige wertvolle Lektionen erhalten.

Da die Form in einem natürlichen Tempo ausgeführt wird, wird dem Übenden abverlangt alle Tai Chi Prinzipien zu berücksichtigen, aber dies mit weniger Zeit sich darauf zu konzentrieren als bei der Solo Form. Zum Beispiel ist es wesentlich, dass die Hüfte zum Erzeugen der Energie bei den großen schwingenden Schlägen mit der Spitze des Stockes eingesetzt wird. Flotte Fußarbeit und Flexibilität sind erforderlich, um den Spazierstock erfolgreich nutzen zu können. Beim Einüben der Partnerübungen des Spazierstocks sind die Weichheit und Sensitivität, die beim Sensing Hands (tui shou) entwickelt werden von großer Bedeutung. Beim Parieren oder Blocken ist dagegen eine solide Wurzelung wesentlich, wenn jemand mit voller Kraft angreift.
Die Leichtigkeit des Spazierstockes verführt dazu, seine zerstörerische Wirkung zu unterschätzen. Der Anwender lernt, die Energie aus dem ganzen Körper zu entwickeln und zu koordinieren, statt Muskelkraft einzusetzen. Dies ist in Übereinstimmung mit der Ermahnung, dass es keine Faust im Tai Chi gibt, was bedeutet, dass der ganze Körper ist eine Waffe ist, nicht nur ein bestimmter Teil.
Tai Chi Chuan Übende setzen nicht nur die Waffe selbst ein, sondern machen ausgiebig Gebrauch der freien Hand. So wird oft der Arm oder die Waffe des Gegners ergriffen. Das hindert ihn daran zu fliehen und hilft das Ziel zu fixieren, um es leichter treffen zu können.
Der Tai Chi Spazierstock ist eine Doppel-End Waffe, da beide Enden, die Spitze und der gebogene Griff eingesetzt werden. Der Haken kann zum Beispiel beim Einfangen des Hand- oder Fußgelenks oder des Nackens eines Gegners genutzt werden.
Schläge mit spezieller Wirkung können auch mit dem gekrümmten Ende ausgeteilt werden.
Ein anderer wichtiger Aspekt der Grundlagenübungen ist das Training der Fußarbeit. In der Form gibt es viele Richtungswechsel und Drehungen um 180, ja sogar um 360 Grad. Sie alle üben die Beweglichkeit und Behändigkeit. Solche plötzlichen Wechsel sind meist vom Tai Chi Schwert abgeleitet und stellen sicher, dass der sorgfältig Übende die Fähigkeit hat in einem einzigen Augenblick aus einem festen, stabilen, gewurzelten Stand in trittsichere, schnelle Bewegungen in jegliche Richtung wechseln zu können.
Natürlich müssen gleichzeitig die Tai Chi Prinzipien beachtet werden. Mit einiger Übung werden die Bewegungen schneller und leichtfüßig.
Die Form selbst hat 54 Bewegungen und enthält eine schöne Mischung aus schönen zierenden, so wie mehr effektive, funktionale Techniken. Ohne Zweifel ist diese interessante, effektive Waffe eine nützliche Ergänzung für das Waffentraining jedes Tai Chi Übenden ist.

Der Spazierstock.
Der eingesetzte, leichte, elastische Spazierstock sollte möglichst eine Länge vom Boden bis zur Hüfte haben, etwas länger also als ein gewöhnlicher Gehstock. Dies ermöglicht ein Halten der Waffe etwa ein Faustbreit unterhalb der Krümmung. Dies wiederum ermöglicht einen schnellen Griffwechsel beim Einsatz beider Enden der Waffe.
Auszüge aus einem Artikel von Nigel Sutton in der Übersetzung von Detlef Klossow